Mut zu Träumen: Wenn unvernünftige Entscheidungen den größten Wert schaffen
- Christian

- 27. Jan.
- 8 Min. Lesezeit

Vielleicht kennst du diesen Moment. Die eine Entscheidung, die alles verändern könnte. Der Traum, der leise anklopft, während die laute Stimme der Vernunft zur Vorsicht mahnt. In unserer Welt, die von KPIs und Quartalszielen regiert wird, erscheint das Festhalten an Träumen oft als Luxus. Als unvernünftig. Doch was, wenn genau diese Unvernunft der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg ist – nicht nur für uns persönlich, sondern für das gesamte Unternehmen?
Ich saß vor einiger Zeit einem CEO gegenüber, einem brillanten Strategen, der sein Unternehmen durch stürmische Zeiten navigiert hatte. Alles lief nach Plan. Die Zahlen stimmten. Doch in einem stillen Moment gestand er: „Ich habe das Gefühl, das Wichtigste auf dem Weg verloren zu haben. Meinen ursprünglichen Traum für dieses Unternehmen." Diese Begegnung hat mich sehr berührt. Und sie hat eine Frage aufgeworfen, die uns alle betrifft: Was kostet es uns wirklich, wenn wir unsere Träume der vermeintlichen Vernunft opfern?
Der Preis der Sicherheit: Was wir wirklich bereuen
Die Psychologie liefert eine klare Antwort: Langfristig bereuen wir nicht die Fehler, die wir gemacht haben, sondern die Chancen, die wir aus Angst verstreichen ließen. Studien, wie die von Davidai und Gilovich, zeigen, dass es die unerfüllten Ideale und Träume sind – unser „ideales Selbst" –, die uns ein Leben lang verfolgen. Sicherheitsorientierte Entscheidungen, das Erfüllen von Pflichten, verblassen in der Rückschau. Der Schmerz des Bedauerns über das Ungewagte bleibt.
Diese Erkenntnis ist besonders für Führungskräfte relevant. In der Arbeitswelt gelten Entscheidungen, die finanzielle Sicherheit garantieren, als vernünftig. Der gut bezahlte Job, die Beförderung, die Absicherung – all das erscheint rational. Doch wenn wir ehrlich sind: Wie oft haben wir schon erlebt, dass Menschen am Ende ihrer Karriere nicht von ihren größten Erfolgen sprechen, sondern von den Wegen, die sie nicht gegangen sind? Von den Visionen, die sie nicht verwirklicht haben? Von den mutigen Schritten, die sie nicht gewagt haben?
Warum ist das so? Unser Gehirn ist darauf programmiert, das Vertraute zu schützen. Der Endowment-Effekt lässt uns dem, was wir besitzen, einen höheren Wert beimessen. Die Verlustaversion sorgt dafür, dass der Schmerz eines potenziellen Verlustes schwerer wiegt als die Freude über einen möglichen Gewinn. Für Führungskräfte bedeutet das oft, am Status quo festzuhalten. Der sichere Job, der Lebensstandard, das abzuzahlende Haus – all das wird zu einem goldenen Käfig, der uns davon abhält, den Sprung zu wagen.
Es erscheint rational, kein Risiko einzugehen. Doch der Preis ist hoch: das schleichende Gefühl, am Wesentlichen vorbeizuleben. Die innere Unruhe, die sich nicht mit Beförderungen oder Boni stillen lässt. Der Verlust an Selbstwirksamkeit, weil wir uns selbst nicht mehr zutrauen, unseren eigenen Weg zu gehen.
Fortune favors the brave: Die Evidenz für mutiges Handeln
Doch was wäre, wenn mutige Entscheidungen nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich die klügeren wären? Wenn das Schicksal, wie das Sprichwort sagt, tatsächlich die Mutigen begünstigt?
Eine umfassende Analyse von Ranjay Gulati und seinen Kollegen an der Harvard Business School hat genau das untersucht. Sie analysierten 4.700 börsennotierte Unternehmen über mehrere Rezessionen hinweg. Das Ergebnis war eindeutig: Rund 9 % der Firmen gingen aus jeder Krise gestärkt hervor. Ihr Geheimnis? Sie haben nicht nur Kosten gesenkt, sondern mutig und kalkuliert in Wachstum investiert, selbst in unsicheren Zeiten.
Diese „progressiven" Unternehmen kombinierten operative Effizienz mit strategischen Investitionen. Sie wagten es, in Innovation zu investieren, neue Märkte zu erschließen und ihre Mitarbeiter weiterzuentwickeln – genau dann, wenn andere sich nur auf Sparmaßnahmen konzentrierten. Das Ergebnis? Sie übertrafen ihre Konkurrenten nach der Krise bei Weitem. Nicht nur in den Umsatzzahlen, sondern auch in der Marktkapitalisierung und der Innovationskraft.
Im Gegensatz dazu schnitten Unternehmen, die nur auf Defensive setzten (reine Kostensenkung) oder blind offensiv agierten (Investitionen ohne Effizienzsteigerung), deutlich schlechter ab. Die Botschaft ist klar: Mut zur richtigen Zeit – kombiniert mit Vernunft – zahlt sich in handfesten Geschäftszahlen aus.
Wenn Bauchgefühl zur Strategie wird: Erfolgsbeispiele aus der Praxis
Zwei Beispiele aus der Unternehmenspraxis zeigen eindrücklich, wie sich dieser Mut auszahlt:
PepsiCo: Der mutige Weg zu gesünderen Produkten
Die frühere CEO Indra Nooyi stand vor einer schwierigen Entscheidung. Der Konzern war erfolgreich mit Softdrinks und Chips – Produkte, die zunehmend in der Kritik standen. Die kurzfristige Gewinnmaximierung hätte bedeutet, am bewährten Portfolio festzuhalten. Doch Nooyi spürte, dass sich die Welt veränderte. Sie war überzeugt, dass der Konzern sich neu ausrichten musste.
Trotz interner Widerstände und anfänglicher Kritik von Investoren stellte sie PepsiCo strategisch auf gesündere Produkte um. Sie investierte in Forschung und Entwicklung, baute das Portfolio um und positionierte das Unternehmen für eine Zukunft, in der Gesundheit und Nachhaltigkeit wichtiger werden würden.
Dieser mutige Schritt gegen kurzfristige Gewinninteressen sicherte dem Unternehmen langfristig ein robustes Portfolio und eine starke Marktposition. PepsiCo reagierte frühzeitig auf veränderte Verbraucherbedürfnisse und konnte so Marktanteile gewinnen, während andere noch zögerten.
Unilever: Langfristigkeit als Wettbewerbsvorteil
CEO Paul Polman ging einen noch radikaleren Weg. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit schaffte er die Quartalsberichterstattung ab. Ein beispielloser Schritt in einer Welt, die vom Quartalszahlen-Denken dominiert wird. Sein Argument: „Wir müssen aus dem quartalsgetriebenen Hamsterrad aussteigen und ein Geschäftsmodell über Jahre statt Quartale führen."
Die Reaktion war gemischt. Einige Investoren sprangen ab, verunsichert von dieser Abkehr vom gewohnten Rhythmus. Doch viele honorierten den Fokus auf langfristige Werte und nachhaltiges Wachstum. Das Ergebnis? Die Aktie stieg innerhalb eines Jahres um 12 %, inklusive Dividenden sogar um 30 %.
Polmans Mut bewahrte das Unternehmen vor Kurzfristfallen und zog neue Investoren an, die an nachhaltigen Erfolg glauben. Er schuf Raum für strategische Entscheidungen, die nicht dem nächsten Quartalsbericht untergeordnet waren, sondern der langfristigen Vision des Unternehmens dienten.
Diese Beispiele zeigen: Mut bedeutet nicht, kopflos zu agieren. Es geht um Entscheidungen, die sich „richtig anfühlen", weil sie von einer Vision, von Werten oder von einem tiefen Sinn getragen sind. Solche Entscheidungen schaffen Wettbewerbsvorteile, die sich in harten Zahlen niederschlagen.
Die unterschätzte Kraft des Purpose: Wenn Sinn zum Erfolgsfaktor wird
Eine oft unterschätzte Dimension ist die Wirkung solcher Entscheidungen auf die eigene Mannschaft. Wenn Führungskräfte ihren Purpose ernst nehmen – den tieferen Sinn und Zweck des Unternehmens –, entfesselt das eine enorme Kraft.
Purpose-getriebene Unternehmen sind klassischen Firmen in fast allen Kennzahlen überlegen. Eine Studie von Ernst & Young zeigt, dass 85 % der Unternehmen mit einer klaren Mission in den letzten drei Jahren Umsatzzuwächse verzeichneten. Im Gegensatz dazu stagnierten oder schrumpften die Umsätze bei 42 % der Unternehmen ohne diesen höheren Zweck.
Die Ausrichtung an einem höheren Warum korreliert also mit dynamischerem Wachstum. Doch warum ist das so?
Talentgewinnung und Retention Management
Sinnstiftende Arbeit zieht Talente an und bindet sie. Drei Viertel der Millennials achten bei der Arbeitgeberwahl auf die soziale und ökologische Verantwortung des Unternehmens. Mitarbeiter in Purpose-Unternehmen bleiben im Schnitt 54 % häufiger länger als fünf Jahre im Unternehmen und haben eine 30 % höhere Wahrscheinlichkeit, zu den Top-Performern zu gehören.
Diese Loyalität und Leistungsbereitschaft wirken sich direkt auf die Produktivität und Innovationskraft aus. In Zeiten des Fachkräftemangels wird die Fähigkeit, Schlüsselpersonen zu sichern und zu halten, zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Retention Leadership bedeutet nicht nur, Mitarbeiter zu halten, sondern sie zu begeistern und ihre mentale Fitness zu stärken.
Mitarbeiterzufriedenheit und emotionale Stabilität
89 % der Führungskräfte sind überzeugt, dass ein gemeinsamer Sinn die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich steigert. Das erscheint logisch: Menschen zeigen mehr Einsatz, wenn sie das Gefühl haben, an etwas Bedeutsamem zu arbeiten. Zufriedene, motivierte Teams liefern besseren Service und bessere Ergebnisse.
Eine aktuelle Oxford-Analyse bestätigt den direkten Zusammenhang zwischen Mitarbeiterwohlbefinden und finanzieller Performance. Firmen mit überdurchschnittlichem Wohlbefinden ihrer Belegschaft verzeichneten höhere Bewertungen am Kapitalmarkt, bessere Kapitalrenditen und höhere Gewinne. Sie übertrafen den Aktienmarkt als Ganzes deutlich.
Besonders eindrucksvoll: Unternehmen, die bereits vor der COVID-19-Pandemie glücklichere Mitarbeiter hatten, erzielten nach der Krise in allen Kennzahlen bessere Ergebnisse als der Durchschnitt. Das zeigt, dass in schwierigen Zeiten ein vorher aufgebautes Polster an Vertrauen, Loyalität und positiver Kultur zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.
Innovationsfähigkeit und Transformation gestalten
84 % der Manager glauben, dass eine geteilte Purpose im Unternehmen Veränderungen und Innovation erleichtert. Beschäftigte sind eher bereit, neue Wege zu gehen und sich auf Transformation einzulassen, wenn sie vom Sinn dahinter überzeugt sind.
In einer VUCA-Welt – geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität – ist diese Anpassungsfähigkeit überlebenswichtig. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter auf einer tieferen Ebene erreichen, können schneller reagieren, innovativer sein und Veränderungen erfolgreicher umsetzen. Sie schaffen Klarheit in Entscheidungen, auch wenn die äußeren Umstände unklar sind.
Die neue Vernunft: Ganzheitlich statt kurzfristig
Es geht um eine neue Form der Vernunft. Eine ganzheitliche Vernunft, die nicht nur den kurzfristigen Nutzen im Blick hat, sondern die langfristige Vitalität des Unternehmens. Vernünftig ist, was die Innovationskraft stärkt, die Kundenloyalität erhöht, die Reputation aufbaut und die emotionale Stabilität der Schlüsselpersonen sichert.
Natürlich bleibt finanzielle Solidität ein zentrales Anliegen. Kein Unternehmen kann ohne wirtschaftliche Basis überleben. Doch diese finanzielle Vernunft ist nicht das einzige Bedürfnis, das es zu berücksichtigen gilt. Die Kunst für uns als Führungskräfte liegt darin, die Balance zu finden.
Balance zwischen Zahlen und Intuition
Excel-Tabellen liefern wichtige Daten. Sie zeigen uns, wo wir stehen, wie sich Märkte entwickeln, welche Investitionen sich rechnen. Doch sie können uns nicht sagen, was sich richtig anfühlt. Sie können nicht erfassen, welche Entscheidung mit unseren Werten übereinstimmt oder welche Vision uns antreibt.
Das Bauchgefühl – oft belächelt als irrational – ist in Wahrheit die Summe unserer Erfahrungen, Werte und unbewussten Wahrnehmungen. Es ist eine Form der Intelligenz, die ergänzt, was Zahlen nicht erfassen können. Wenn wir lernen, beide Quellen zu nutzen, treffen wir bessere Entscheidungen.
Balance zwischen Risiko und Sicherheit
Risiko komplett zu vermeiden ist unmöglich. Auch das Festhalten am Status quo ist ein Risiko – das Risiko, den Anschluss zu verlieren, irrelevant zu werden, die besten Talente zu verlieren. Die Frage ist nicht, ob wir Risiken eingehen, sondern welche.
Kalkulierte Risiken, die auf einer klaren Vision basieren, sind oft weniger riskant als das blinde Festhalten an Bewährtem. Sie eröffnen neue Möglichkeiten und schaffen Wettbewerbsvorteile. Sie stärken unsere Selbstwirksamkeit, weil wir aktiv gestalten statt nur zu reagieren.
Balance zwischen kurzfristig und langfristig
Quartalsdenken hat seinen Platz. Es hilft uns, fokussiert zu bleiben und Fortschritte zu messen. Doch wenn es zum alleinigen Maßstab wird, verlieren wir die langfristige Perspektive. Wir opfern strategische Investitionen für kurzfristige Gewinne. Wir vernachlässigen die Entwicklung unserer Mitarbeiter, weil sie sich nicht sofort in Zahlen niederschlägt.
Unternehmen, die langfristig denken, haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können in Krisen investieren, wenn andere sparen. Sie können Talente entwickeln, während andere nur auf Effizienz setzen. Sie können ihre Zukunft gestalten, statt nur auf sie zu reagieren.
Der Weg zur inneren Klarheit: Praktische Schritte für Führungskräfte
Wie können wir als Führungskräfte diese neue Vernunft praktisch umsetzen? Wie finden wir die Balance zwischen Mut und Verantwortung?
Erstens: Schaffe Raum für Reflexion. In der Hektik des Alltags verlieren wir oft den Kontakt zu dem, was uns wirklich wichtig ist. Strategic Sparring – der Austausch mit einem erfahrenen Gegenüber auf Augenhöhe – kann helfen, Klarheit in Entscheidungen zu gewinnen. Es geht nicht um Coaching im klassischen Sinne, sondern um einen Raum, in dem Du Deine Gedanken sortieren, Perspektiven wechseln und zu Deiner eigenen Wahrheit finden kannst.
Zweitens: Höre auf Deine innere Stimme. Was sagt Dir Dein Bauchgefühl? Welche Entscheidung fühlt sich richtig an, auch wenn sie auf dem Papier riskant erscheint? Diese innere Klarheit ist oft ein verlässlicherer Kompass als jede Analyse. Sie verbindet Deine Erfahrung, Deine Werte und Deine Vision zu einer stimmigen Richtung.
Drittens: Investiere in Deine mentale Fitness. Führung in Veränderung erfordert emotionale Stabilität und Widerstandskraft. Wenn Du selbst klar und zentriert bist, kannst Du auch in unsicheren Zeiten Orientierung geben.
Viertens: Stärke Deine Schlüsselpersonen. Retention Leadership bedeutet, nicht nur Mitarbeiter zu halten, sondern sie zu befähigen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Wenn Deine wichtigsten Leute sich gesehen, wertgeschätzt und in ihrer Entwicklung unterstützt fühlen, werden sie zu Botschaftern Deiner Vision.
Fünftens: Definiere Deinen Purpose neu. Was ist der tiefere Sinn Deines Unternehmens? Warum tust Du, was Du tust – jenseits von Umsatz und Gewinn? Wenn Du diese Frage klar beantworten kannst, hast Du einen Nordstern, der Dir in allen Entscheidungen Orientierung gibt.
Die Einladung: Wage den ersten Schritt
Wenn wir diese Balance meistern, wird nicht nur unser eigenes Wirken erfüllender, sondern auch der Erfolg des Unternehmens nachhaltiger. Wir schaffen Organisationen, in denen Menschen gerne arbeiten, in denen Innovation gedeiht und in denen langfristiger Erfolg nicht dem kurzfristigen Gewinn geopfert wird.
Die Forschung ist eindeutig: Mutige, wertebasierte Entscheidungen zahlen sich aus. Sie führen zu höheren Umsätzen, besserer Mitarbeiterbindung, größerer Innovationskraft und letztlich zu nachhaltigem Unternehmenserfolg. Sie stärken unsere Selbstwirksamkeit und geben uns das Gefühl, wirklich etwas zu bewegen.
Doch der wichtigste Grund, mutiger zu sein, ist ein anderer: Am Ende deiner Karriere wirst du nicht die Risiken bereuen, die du eingegangen bist. Du wirst die Dinge bereuen, die du nicht gewagt hast. Die Visionen, die du der vermeintlichen Vernunft geopfert hast. Die Chancen, die du aus Angst hast verstreichen lassen.
Was wäre, wenn du deinem nächsten „unvernünftigen" Impuls nicht mit Misstrauen, sondern mit Neugier begegnest?
Welche Türen könnten sich öffnen, wenn du dem, was sich wirklich richtig anfühlt, mehr Raum gibst?
Welchen Unterschied könntest du machen – für dein Unternehmen, für deine Mitarbeiter, für dich selbst –, wenn du noch mehr Mut hättest, deinen Träumen zu folgen?


