Wenn Verletzlichkeit zu deiner größte Stärke wird. Und Führung plötzlich leicht.
- Christian

- 13. Jan.
- 6 Min. Lesezeit

"Wow, das kommt überraschend. Und trifft mich hart. Danke für eure Ehrlichkeit." sagte sie und wirkte aufrichtig betroffen.
Ich konnte spüren, wie unser Feedback meine damalige Führungskraft kalt erwischt hatte. Es war ihre erste Führungsaufgabe und wir alle konnten sehen, dass sie hohe Ansprüche an sich selbst hatte, dass sie es anders, dass sie es besser machen wollte.
Unser Feedback hatte ihr einen blinden Fleck aufgezeigt. Einen, der ihrem eigenen Wertesystem zuwider lief. Doch statt eine abwehrende Haltung einzunehmen und sich zu rechtfertigen, saß sie einfach still da. Sichtlich bewegt. Und reflektierte das Gehörte und dessen Tragweite.
Die Verletzlichkeit, die sie in diesem Augenblick zeigte, veränderte mein Verständnis guter Führung für immer. Dieser Moment authentischer Verletzlichkeit schaffte etwas, dass bis dahin fehlte: Verbindung. Und Verständnis. Und der Wunsch zu unterstützen. In diesem Moment wurde aus ICH ein WIR.
Was wäre, wenn genau diese Momente, in denen wir uns verletzlich zeigen, nicht unsere Schwäche, sondern unsere größte Stärke als Führungskraft sind? In einer Welt, die von Effizienz und Kontrolle geprägt ist, klingt das paradox. Wir lernen, Stärke zu zeigen, Antworten zu haben, den Kurs zu halten. Doch die moderne Führungsforschung und die Verhaltensökonomie zeichnen ein klares Bild: Authentische Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu psychologischer Sicherheit, Innovation und echter Mitarbeiterbindung. Sie ist die unsichtbare Kraft, die Teams in komplexen Zeiten zusammenhält und zu Höchstleistungen befähigt.
Das Paradox der verletzlichen Führung in der VUCA-Welt
Wir leben in einer Welt, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (VUCA) geprägt ist. Der Druck auf Führungskräfte, jederzeit souverän und kontrolliert zu agieren, ist immens. Verletzlichkeit scheint da ein Risiko zu sein, ein Eingeständnis, der Lage nicht gewachsen zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Gerade weil niemand mehr alle Antworten haben kann, wird die Fähigkeit, Unsicherheit zuzugeben und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, zur entscheidenden Kompetenz.
Eine Fassade der Unfehlbarkeit schafft Distanz und lähmt die Initiative im Team. Authentische Verletzlichkeit hingegen öffnet den Raum für ehrlichen Dialog und kollektive Intelligenz. Sie ist die adäquate Antwort auf eine komplexe Welt, in der Anpassungsfähigkeit und gemeinsames Lernen über starre Hierarchien triumphieren.
Das Fundament: Vertrauen und psychologische Sicherheit
Gegenseitiges Vertrauen ist das Fundament für jede erfolgreiche Zusammenarbeit. Doch wie entsteht es? Studien, unter anderem von der renommierten Forscherin Brené Brown, zeigen, dass die Bereitschaft einer Führungskraft, sich verletzlich zu zeigen – durch das Eingeständnis von Fehlern oder das Bitten um Hilfe – das Vertrauen im Team signifikant stärkt. Vertrauen, so Brown, entsteht nicht durch perfekte Fassaden, sondern in den kleinen Momenten geteilter Menschlichkeit.
Amy Edmondson von der Harvard Business School, die den Begriff der psychologischen Sicherheit geprägt hat, bestätigt das: Wenn eine Führungskraft sagt "Ich weiß es nicht, aber lasst es uns gemeinsam herausfinden", gibt sie anderen die Erlaubnis, ebenfalls ihre Masken fallen zu lassen. Psychologische Sicherheit ist der Glaube, dass man in einem Team seine Meinung sagen, Fehler zugeben und Fragen stellen kann, ohne dafür bestraft oder gedemütigt zu werden.
Edmondson betont, dass Führungskräfte durch einfache Aussagen wie „Ich brauche eure Hilfe“ oder „Ich habe einen Fehler gemacht“ ein Klima schaffen, in dem sich andere trauen, dasselbe zu tun. Das Ergebnis ist eine Kultur, in der Ideen frei fließen und Fehler als wertvolle Lernchancen gesehen werden – der Nährboden für jede Form von Fortschritt.
Aus der Perspektive der Verhaltensökonomie lässt sich dieses Phänomen als kostspieliges Signal (costly signal) interpretieren. Indem eine Führungskraft Verletzlichkeit zeigt, geht sie ein kalkuliertes Risiko ein. Sie signalisiert ihrem Team: "Ich bin so kompetent und von unseren gemeinsamen Fähigkeiten überzeugt, dass ich es mir leisten kann, diese Unsicherheit offenzulegen." Dieses Signal ist glaubwürdig, weil sich eine inkompetente Führungskraft ein solches Risiko nicht leisten könnte. Es ist ein starkes Zeichen für Vertrauen in die eigene Position und vor allem in das Team.
Der Wandel in der Teamdynamik: Von ICH zu WIR
Zeigt eine Führungskraft Verletzlichkeit, verändert das die Dynamik im Team fundamental. Anstatt an Status zu verlieren, gewinnt sie an Einfluss. Eine groß angelegte Feldstudie, die 93 Teams in 51 Organisationen untersuchte, fand heraus, dass Führungskräfte, die aktiv emotionale Unterstützung bei ihren Mitarbeitenden suchen – ein klarer Akt der Verletzlichkeit – eine höhere Führungswirkung erzielen.
Dieses Verhalten verbessert die Beziehungsqualität, was wiederum die Autorität stärkt. Die Leader-Member-Exchange (LMX) Theorie beschreibt genau diesen Effekt: Je höher die Qualität der Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, desto höher sind Engagement, Leistung und Zufriedenheit. Verletzlichkeit ist der Katalysator für diese hochwertigen Beziehungen.
Stell dir ein Projektteam vor, das vor einer scheinbar unlösbaren Herausforderung steht. Der Druck ist hoch, die Stimmung angespannt. In einer klassischen Hierarchie würde die Führungskraft versuchen, Stärke zu demonstrieren und einen Plan vorzugeben. In einem verletzlich geführten Team könnte der Impuls anders aussehen: "Ich gebe zu, ich bin an einem Punkt, an dem ich nicht weiterweiß. Ich sehe mehrere Optionen, aber keine davon fühlt sich wie die richtige an. Was übersehe ich? Was seht ihr?"
Dieser eine Satz verwandelt eine angespannte Berichtssituation in eine gemeinsame Lösungsfindung. Er aktiviert das Prinzip der Reziprozität: Die Führungskraft schenkt Vertrauen, das Team zahlt es mit Engagement und Ideen zurück. Es entsteht ein Klima der Offenheit, in dem sich Mitarbeitende als Teil eines Ganzen fühlen und bereit sind, sich für gemeinsame Ziele einzusetzen. Wichtig ist dabei, dass diese Offenheit als echt und kompetent erlebt wird – Verletzlichkeit gepaart mit fachlicher Stärke.
Der Motor für Innovation und Leistung
Brené Brown sagt: "Verletzlichkeit ist der Geburtsort von Innovation, Kreativität und Wandel." Wenn Mitarbeitende sehen, dass auch ihre Führungskraft nicht perfekt ist, sinkt die Angst vor Kritik. Das fördert die Bereitschaft, neue Ideen einzubringen und kalkulierte Risiken einzugehen. In einem psychologisch sicheren Umfeld trauen sich Mitarbeiter, auch unkonventionelle Vorschläge zu machen oder konstruktive Kritik zu üben, weil sie wissen, dass dies als wertvoller Beitrag und nicht als Angriff verstanden wird.
Studien belegen, dass Teams mit verletzlichen Führungskräften ein höheres Engagement und eine größere Innovationsbereitschaft zeigen. Dieses Mehr an Vertrauen führt zu besserer Zusammenarbeit und weniger Widerstand gegen Veränderungen.
Ein gewisses Maß an Verletzlichkeit korreliert zudem stark mit emotionaler Intelligenz – einer Fähigkeit, die die Teamperformance um bis zu 20% steigern kann. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem die kollektive Intelligenz des Teams genutzt wird, anstatt sich nur auf die Brillanz einer einzelnen Person an der Spitze zu verlassen. In solchen Umfeldern wächst die kollektive Resilienz und damit die Anpassungsfähigkeit des gesamten Unternehmens.
Die Kunst der authentischen Verletzlichkeit: Was das für dich als Führungskraft bedeutet
Als pragmatische und ergebnisorientierte Führungskraft fragst du dich vielleicht, wie du dieses Konzept in deinen Führungsalltag integrieren kannst, ohne an Autorität zu verlieren. Es geht nicht darum, private Details preiszugeben oder Unsicherheit zu inszenieren. Es geht um authentische Momente, in denen du deine Menschlichkeit zeigst, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Vertrauen zu schaffen, Zusammenarbeit zu fördern und bessere Ergebnisse zu erzielen. Es ist ein strategisches Werkzeug für mehr Wirksamkeit.
1. Gib Fehler offen und proaktiv zu. Warte nicht, bis Fehler entdeckt werden. Sprich sie selbst an. Ein Satz wie: "Bei der Planung des letzten Projekts habe ich den Ressourcenbedarf unterschätzt. Das war mein Fehler. Lasst uns gemeinsam analysieren, was wir daraus lernen können, damit uns das nicht wieder passiert." signalisiert Stärke, Lernbereitschaft und schafft Vertrauen.
2. Bitte gezielt um Hilfe und Expertise. Du musst nicht auf alles eine Antwort haben. Beziehe dein Team in die Lösungsfindung mit ein. Formuliere es als Akt der Wertschätzung für ihre Kompetenz: "Ich stoße bei diesem Thema an meine Grenzen. Du hast hier deutlich mehr Erfahrung als ich. Ich brauche deine Perspektive, um die richtige Entscheidung zu treffen." Das stärkt nicht nur das Wir-Gefühl, sondern führt oft auch zu besseren Ergebnissen.
3. Teile deine Herausforderungen und deinen Denkprozess. Sprich offen über die Dilemmata, vor denen du stehst (ohne zu klagen). Das macht dich nahbar und motiviert dein Team, dich zu unterstützen. "Ich ringe gerade mit der Entscheidung zwischen Option A und B. A ist schneller, aber riskanter. B ist sicherer, aber langsamer. Mein Bauchgefühl tendiert zu A, aber mein Verstand warnt mich. Was sind eure Gedanken dazu?"
4. Setze klare Grenzen und sprich über deine Kapazitäten. Verletzlichkeit bedeutet auch, die eigene Endlichkeit anzuerkennen. Zu sagen: "Ich bin an der Grenze meiner Kapazität. Um diese neue Priorität zu stemmen, müssen wir eine andere Aufgabe zurückstellen. Lasst uns gemeinsam entscheiden, was das sein soll." ist ein Zeichen von Selbstführung und schafft ein realistisches Bild von den Anforderungen.
Der Schlüssel liegt in der Absicht. Verletzlichkeit als Selbstzweck wirkt unsicher und oftmals aufgesetzt. Verletzlichkeit im Dienste des Teams und der gemeinsamen Ziele ist ein Zeichen von souveräner und moderner Führung. Es geht darum, die eigene Menschlichkeit als Instrument für emotionale Stabilität und innere Klarheit im Team zu nutzen.
Wann hast du zuletzt geglaubt Stärke demonstrieren zu müssen, obwohl deine Intuition vielleicht schon wusste, dass du Unterstützung gebrauchen könntest?
Und was wird in deinem Unternehmen möglich, wenn deine Verletzlichkeit zum Katalysator für mehr Offenheit, Verständnis und Teamgeist wird?


