Wie der Wunsch, dich selbst zu verstehen, dich zu einer besseren Führungskraft macht.
- Christian

- 20. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

"Das kannst du noch nicht verstehen, das ist eine Frage des Alters."
Diesen Satz durfte ich mir kürzlich anhören. Mit 44 Jahren. Wow.
Ich war nicht gekränkt, sondern eher positiv überrascht. Weil er eine weitverbreitete, aber trügerische Annahme entlarvt: die Vorstellung, Weisheit und Reflexionsvermögen seien ein Nebenprodukt des biologischen Alterns. Ein Automatismus, der mit grauen Haaren und Falten einsetzt.
Meine Erfahrung, sowohl im eigenen Leben als auch in der Arbeit mit Führungskräften, zeichnet ein radikal anderes Bild. Reflexionsvermögen – die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen und Handeln aus einer stillen Distanz zu betrachten – ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage der inneren Haltung. Des Wollens. Und es ist eine trainierbare Fähigkeit, die den Unterschied zwischen gutem Management und herausragender Führung ausmacht.
Die Illusion vom Alter: Reflexion ist eine Fähigkeit, keine Alterserscheinung
Es gibt junge Menschen, die mit einer erstaunlichen inneren Klarheit durchs Leben gehen. Und es gibt ältere, die in den immer gleichen mentalen Schleifen gefangen sind, unfähig, ihre eigenen Muster zu erkennen. Wie zum Beweis stolpere ich wenige Tage später über einen sehr persönlichen Beitrag von Jakob Schöffel, der mit nur 26 Jahren die Führung des Familienunternehmens übernahm.
Er reflektiert darin seinen Start, seine Zweifel, seine Lernkurve. Offen, ehrlich, schonungslos. Er beschreibt, wie er lernen musste, die Erwartungen anderer von seinen eigenen Zielen zu trennen. Ein Akt reifer Selbstreflexion, der nichts mit seinem Geburtsjahr zu tun hat.
Diese Beobachtung führt zu einer zentralen Frage für jeden, der Verantwortung trägt: Wenn Reflexion nicht vom Himmel fällt, wie kultivieren wir sie? Wie wird sie zu einem Werkzeug, das uns nicht nur durch Krisen navigiert, sondern unsere Wirksamkeit im Alltag fundamental steigert? Die Antwort liegt im Verständnis dessen, was Reflexion wirklich ist: nicht passives Grübeln, sondern ein aktiver, strukturierter Prozess.
Die Wissenschaft der Klarheit: Wie Selbstdistanzierung Ihre Entscheidungen verbessert
Die moderne Psychologie liefert hierzu faszinierende Einblicke. Forscher wie Igor Grossmann von der University of Waterloo haben das Konzept des "weisen Denkens" (wise reasoning) empirisch untersucht. Ihre Ergebnisse sind eine Absage an den Altersmythos. Weisheit, so zeigen sie, ist keine Eigenschaft, die man besitzt, sondern ein Prozess, den man anwendet. Zu den Kernkomponenten gehören intellektuelle Demut (das Wissen um die Grenzen des eigenen Wissens), die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven und die Suche nach Kompromissen.
Die entscheidende Entdeckung ist jedoch, dass diese Fähigkeiten durch eine spezifische mentale Technik gezielt aktiviert werden können: die Selbstdistanzierung. Es ist die Kunst, einen Schritt zurückzutreten und die eigene Situation wie ein außenstehender Beobachter zu betrachten. Anstatt zu fragen "Was fühle ich?", fragt man "Was fühlt diese Person in dieser Situation und warum?".
Stell Dir vor, Du steckst in einer hitzigen Budgetverhandlung. Dein Puls ist hoch, Du fühlst Dich persönlich angegriffen. Der Autopilot schreit: "Verteidigung! Gegenangriff!". Der reflektierte Modus hingegen würde eine innere Distanz schaffen: "Interessant. Mein Nervensystem reagiert gerade mit einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Warum? Weil mein Vorschlag, in den ich viel Arbeit gesteckt habe, in Frage gestellt wird. Mein Bedürfnis nach Anerkennung ist bedroht. Was wäre, wenn ich nicht aus dieser Bedrohung heraus agiere, sondern aus dem Ziel heraus, die beste Lösung für das Unternehmen zu finden?"
Dieser winzige Shift im inneren Dialog ist transformativ. Er entkoppelt uns von der emotionalen Verstrickung und eröffnet den Raum für echte Klarheit in Entscheidungen. Er ist der Unterschied zwischen einer impulsiven Reaktion und einer souveränen Antwort.
Vom Autopiloten zur bewussten Führung: Die Kosten fehlender Reflexion
Im Führungsalltag ist dieser Raum pures Gold. Viele Führungskräfte agieren im Autopilot-Modus, getrieben von Terminen, Erwartungen und dem ständigen Strom an Informationen. Doch dieser Modus hat immense Kosten. Mangelnde Reflexion ist kein neutraler Zustand; sie ist ein aktives Risiko.
Ich sehe das oft in meiner Arbeit. Ein CEO eines mittelständischen Technologieunternehmens war frustriert über die mangelnde Eigeninitiative seines Führungsteams. Er klagte: "Ich muss alles selbst machen!". In unserer Zusammenarbeit erkannten wir durch gezielte Reflexion ein tiefes Muster: Sein eigenes, unbewusstes Bedürfnis nach Kontrolle führte dazu, dass er jede Entscheidung an sich riss und seinem Team nie wirklich Verantwortung übertrug.
Seine Klage war eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die Erkenntnis war schmerzhaft, aber sie war der Wendepunkt. Er begann, sein eigenes Verhalten zu ändern, statt weiterhin die Schuld bei anderen zu suchen.
Die Folgen unreflektierter Führung sind in Unternehmen täglich sichtbar:
Schlechte Entscheidungen: Getrieben von unbewussten Vorurteilen (Biases), emotionalen Impulsen oder dem Wunsch, schnell "fertig" zu werden, werden strategische Fehler gemacht, die das Unternehmen Millionen kosten können.
Toxische Mikrokulturen: Eine Führungskraft, die ihre eigenen emotionalen Trigger nicht versteht, gibt diesen Druck ungefiltert an ihr Team weiter. Das Ergebnis sind Angst, Misstrauen und eine Kultur des "sich Wegduckens".
Hohe Fluktuation von Leistungsträgern: Talentierte Mitarbeiter verlassen nicht das Unternehmen, sie verlassen ihre direkten Vorgesetzten. Sie fliehen vor Führungskräften, die nicht zuhören, keine Empathie zeigen und nicht bereit sind, ihr eigenes Verhalten in Frage zu stellen. Das ist das Gegenteil von Retention Leadership.
Innovationsstau: Echte Innovation erfordert psychologische Sicherheit – die Erlaubnis, zu experimentieren und auch mal zu scheitern. Ein unreflektierter, auf Kontrolle bedachter Führungsstil erstickt diese Kultur im Keim.
Die Praxis der Reflexion: Ein innerer Dialog, der alles verändert
Wie entkommt man dieser Falle? Es geht nicht darum, sich zusätzliche Stunden für "Nachdenken" zu blocken. Es geht darum, die Qualität des inneren Dialogs zu verändern und kurze, bewusste Momente der Reflexion in den Tag zu integrieren.
Statt mechanisch von einem Meeting zum nächsten zu hetzen, könnte ein Moment des Innehaltens so aussehen: Ein kurzer Blick aus dem Fenster, ein tiefer Atemzug und die stille Frage: "Was ist das eigentliche Ziel des nächsten Gesprächs? Geht es darum, Recht zu haben, oder darum, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen?"
Oder am Ende eines langen Tages, anstatt sofort in den Feierabendmodus zu schalten, die ehrliche Auseinandersetzung: "Wo habe ich heute Energie verloren? In welcher Situation habe ich nicht so gehandelt, wie ich es von mir selbst erwarte? Was hat mich daran gehindert?"
Diese Form der Selbstbefragung ist kein Akt der Selbstkritik, sondern der Selbstklärung. Sie schult die emotionale Stabilität und stärkt die Selbstwirksamkeit. Sie ist die Grundlage, um nicht nur als Manager zu funktionieren, sondern als Führungspersönlichkeit zu wachsen, die andere inspiriert.
Eine Führungskraft, mit der ich arbeitete, formulierte es einmal so: "Früher habe ich versucht, alle Probleme im Außen zu lösen. Heute erkenne ich, dass die meisten Herausforderungen ein Spiegel meiner inneren Landkarte sind. Wenn ich die Karte justiere, verändert sich das Terrain."
Fazit: Reflexion ist die Kernkompetenz moderner Führung
Am Ende ist Reflexionsvermögen die ultimative Meta-Kompetenz. Sie ist die Quelle für innere Klarheit, wenn die Welt um uns herum immer lauter und komplexer wird. Sie ermöglicht es uns, nicht nur zu reagieren, sondern die Zukunft zu gestalten. Und sie hat absolut nichts mit dem Geburtsdatum im Pass zu tun. Sie ist eine Entscheidung. Eine, die jeder von uns jeden Tag aufs Neue treffen kann.
Vielleicht erinnerst du dich an eine Situation, in der du eine unerwartete Lösung für ein Problem gefunden hast, weil du dir Zeit genommen hast, es in Ruhe, ergebnisoffen und aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten?
Und was wird in deinem Unternehmen möglich, wenn du diese Kompetenz als Standard-Prozess in eurem Alltag etablierst.


