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"Für jedes komplexe Problem gibt es eine Lösung, die klar, einfach – und falsch ist." — H. L. Mencken

  • Autorenbild: Christian
    Christian
  • 6. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
Bild zum Blogartikel über die Gefahr einfacher Lösungen: Ein Porträt von Christian Schulz mit dem Zitat von H. L. Mencken, das die Kernaussage des Artikels zusammenfasst: "Für jedes komplexe Problem gibt es eine Lösung, die klar, einfach – und falsch ist."

Ich wünschte manchmal, ich würde weniger wissen. Das würde meine Welt so viel einfacher machen.


Der Moment, in dem mein Weltbild für immer komplizierter wurde, ereilte mich in der 10. Klasse. Wahlpflichtkurs Geschichte, Thema "Deutschland während des NS-Regimes". Bis dahin war meine Sicht auf die Welt angenehm einfach: Nazis böse. Der Rest gut.


Diese simple Einteilung führte bei mir vor allem zu einem absoluten Unverständnis für die Menschen, die den Nationalsozialisten zur Macht verhalfen. Doch ich hatte das Glück eines Geschichtslehrers, der sich intensiv mit Zeitzeugen auseinandersetzte.


So lernte ich von den Sorgen, Nöten und Ängsten der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Von der gesamtgesellschaftlichen Stimmung, der geopolitischen Lage. Und mit einem Mal war sie verschwunden, diese erleichternde Einfachheit der Dinge. Weg waren meine pauschalen Vorurteile.


Was ich stattdessen erhielt, ist für mich bis heute ein Geschenk. Die Erkenntnis, dass eine differenzierte Betrachtung komplexer Sachverhalte vielleicht nicht immer leicht ist – manchmal auch lästig oder gar unangenehm. Aber zu so viel mehr Tiefgründigkeit, Verständnis und auch Akzeptanz in jeder Form von zwischenmenschlicher Beziehung führt.


Und was ich damals erfuhr, war auch keine Entschuldigung für die Taten des NS-Regimes. Doch es war eine Erklärung, wie es ein ganzes Land so weit hatte kommen lassen. Es war meine erste Lektion in der Macht des Kontexts.


Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch aus deinem Führungsalltag. Ein Mitarbeiter liefert nicht. Ein Team blockiert eine Initiative. Ein Kollege im Vorstand verfolgt eine scheinbar irrationale Agenda. Die schnelle, einfache Erklärung liegt oft auf der Hand: Unfähigkeit, böser Wille, Sturheit.


Doch was wäre, wenn die Wahrheit, wie damals im Geschichtsunterricht, vielschichtiger ist? Wenn der Kontext das Verhalten erklärt, nicht der Charakter?


Die Forschung aus Psychologie und Management liefert hierzu eine klare Antwort:


Führungskräfte, die aktiv die Perspektive wechseln und das Verhalten anderer im Kontext interpretieren, führen messbar effektiver. Sie erzielen eine höhere Wirksamkeit im Alltag und gestalten die Zukunft ihres Unternehmens nachhaltiger.


Die Wissenschaft unterscheidet hier bewusst zwischen Empathie und Perspektivübernahme. Während Empathie das emotionale Mitfühlen bezeichnet, ist Perspektivwechsel ein kognitiver Prozess. Ein bewusster Akt, bei dem das Gehirn gezielt die Umstände, Motive und Gedanken anderer rekonstruiert. Es ist eine trainierbare Fähigkeit, die für emotionale Stabilität in Drucksituationen sorgt.


Die Psychologin Gillian Ku von der London Business School fasst zusammen: Durch Perspektivwechsel nehmen Führungskräfte nicht nur ihre eigenen Interessen wahr, sondern berücksichtigen auch die Bedürfnisse ihrer Kollegen.

Dies steigert die kollektive Kreativität und Teamleistung. Und damit nicht zuletzt den Erfolg der ganzen Organisation.


Im Kern geht es darum, eine fundamentale Falle unseres Denkens zu umgehen. Die Sozialpsychologie nennt es den "fundamentalen Attributionsfehler": Wir neigen dazu, das Verhalten anderer auf deren Persönlichkeit zurückzuführen und situative Einflüsse zu vernachlässigen. "Der Kollege ist unzuverlässig." statt "Welche Umstände führen dazu, dass der Kollege seine Zusagen nicht einhalten kann?".


Effektive Führungskräfte entwickeln eine "situative Linse". Sie verstehen, dass in komplexen Organisationen der Kontext oft 90 % des Verhaltens erklärt und die Persönlichkeit nur 10 %. Diese Haltung ist der Schlüssel zur Zielerreichung in Transformationsprozessen. Sie schafft innere Klarheit, wo andere nur noch Rauschen wahrnehmen.


Stell dir einmal vor, ein wichtiger Mitarbeiter, eine Schlüsselperson für dein Projekt, verhält sich plötzlich zögerlich und bremst. Die einfache Deutung: Er hat das Vertrauen verloren oder ist nicht mehr engagiert.


Die kontextbezogene Analyse fragt anders: Gibt es eine Veränderung im Markt, die seine Abteilung direkt betrifft? Hat sich eine private Situation ergeben, die seine mentale Fitness beeinträchtigt? Gibt es unausgesprochene Konflikte im Team, die sein Verhalten beeinflussen?


Wer so fragt, verurteilt nicht, sondern diagnostiziert. Er sucht nicht nach einem Schuldigen, sondern nach der Ursache. Das ist der Unterschied zwischen Management und echter Führung – besonders in Phasen von Veränderung, in denen jeder Schritt Neuland sein kann. Diese Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung ist entscheidend für die Entwicklung von kooperationsbasierten Lösungskompetenzen und nachhaltige Mitarbeiterbindung von Schlüsselpersonen.


Die gute Nachricht ist: Diese Form der Selbstwirksamkeit lässt sich gezielt stärken. Es ist kein angeborenes Talent, sondern eine disziplinierte Praxis, die man zum Beispiel in einem intensiven Strategic Sparring verfeinern kann.


Drei Kernerkenntnisse für deine Führungspraxis:


  1. Kontext ist entscheidend für Klarheit in Entscheidungen. Die schnelle, einfache Erklärung ist selten die richtige. Indem du bewusst nach dem "Warum" (nicht zu vergessen dem verdeckten Nutzen) hinter dem Verhalten fragst und den situativen Kontext analysierst, vermeidest du teure Fehlurteile und stärkst dein Führungsteam.

  2. Perspektivwechsel ist ein kognitives Werkzeug, kein reines Gefühl. Es geht nicht darum, alles gutzuheißen, sondern darum, alles zu verstehen. Diese Fähigkeit zur kognitiven Empathie ist eine der wichtigsten Kompetenzen für authentische Führung und emotionale Intelligenz im Management.

  3. Differenzierung schafft Fokus im Wandel. In einer Welt, die immer komplexer wird, ist die Fähigkeit, zwischen Person und Situation zu unterscheiden, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Sie ermöglicht es dir, mit innerer Stärke und Ruhe zu agieren, während andere im (emotionalen) Chaos versinken.


Die Welt ist oft komplizierter, als wir sie gern hätten. Deine Aufgabe als Kopf deiner Organisation ist es nicht, sie künstlich zu vereinfachen, sondern ihre Komplexität zu navigieren. Mit Neugier, mit Weitsicht und mit dem Mut, die eigenen, schnellen Urteile immer wieder zu hinterfragen.


Genau wie damals in der 10. Klasse ist der Weg zur Erkenntnis vielleicht nicht immer der einfachste. Aber er ist der einzige, der zu authentischer und nachhaltiger Wirksamkeit führt.


Wann hat zuletzt eine deiner Entscheidungen im Unternehmen für Unmut gesorgt, weil die Betroffenen nicht über alle relevanten Informationen verfügten?


Und welche scheinbar einfache Wahrheit über einen Menschen in deinem Unternehmen wärst du bereit, für ein tieferes Verständnis und eine bessere Beziehung infrage zu stellen?

 
 
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