Wenn die Ziele ausgehen: Warum die Angst vor dem Ungewissen große Visionen blockiert
- Christian

- 23. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Du hast nach vielen Etappenzielen alles erreicht und fragst dich nun: „Und was jetzt?“ Bisher ging alles geradlinig voran: ein Schritt nach dem anderen auf dem Weg nach oben. Jetzt sitzt du auf dem Gipfel, genießt die Aussicht – doch plötzlich fällt es schwer, neue Ziele zu finden.
Du hast nicht verlernt, Ziele zu setzen, aber ihre Natur hat sich verändert. Bisher waren sie klar planbar und lagen in deinem Einflussbereich. Nun sind sie größer als du selbst. Statt persönlichem Karrierefortschritt rücken Themen wie gesellschaftlicher Beitrag, echte Innovation oder die Transformation einer ganzen Branche in den Vordergrund.
Der entscheidende Unterschied dabei ist die radikal steigende Unsicherheit. Dieser Übergang zu „Zielen jenseits des Greifbaren“ weckt Angst, weil wir zukünftige Schritte nicht mehr konkret kalkulieren können. Und genau hier liegt oft die unsichtbare Bremse.
Vom Gipfel ins Nebelmeer
Ich erinnere mich an einen Klienten, einen sehr erfolgreichen Tech-Unternehmer. Er hatte sein Unternehmen zu einem beeindruckenden Exit geführt. Alle Ziele waren übererfüllt. Doch nach der anfänglichen Euphorie fiel er in ein Loch. „Christian“, sagte er, „ich weiß, ich könnte jetzt alles anstoßen. Ein neues Unternehmen gründen, das die Welt verändert. Aber jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, fühlt es sich an, als würde ich in dichten Nebel starren. Ich sehe den nächsten Schritt nicht. Und dieses Gefühl lähmt mich.“
Diese Situation ist typisch für viele High-Performer. Solange der Weg klar war, war die Energie grenzenlos. Doch die Konfrontation mit echter Ungewissheit – mit Zielen, für die es kein Drehbuch gibt – fühlt sich bedrohlich an. Man hat das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Und anstatt mutig in den Nebel zu treten, bleibt man lieber auf dem sicheren, bekannten Gipfel stehen.
Warum dein Gehirn den Nebel hasst: Die Psychologie der Ungewissheit
Dein Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, Ungewissheit zu lieben. Es ist darauf optimiert, Muster zu erkennen und Risiken zu minimieren. Psychologen und Verhaltensökonomen haben dafür klare Erklärungen:
Ambiguitäts-Intoleranz: Unser Gehirn empfindet Mehrdeutigkeit und Ungewissheit als unangenehm. Wir sehnen uns nach Klarheit und neigen dazu, uns an vermeintliche Gewissheiten zu klammern, selbst wenn diese uns einschränken. Ein großes, visionäres Ziel ist per Definition ambigue – und damit eine Herausforderung für unser inneres Sicherheitssystem.
Verlustaversion: Wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman zeigte, wiegt der Schmerz eines Verlusts etwa doppelt so stark wie die Freude über einen gleich hohen Gewinn. Ein großes, neues Ziel birgt immer das Risiko, den sicheren Status quo (Reputation, finanzielle Sicherheit, gewohnte Routinen) zu verlieren. Dein Gehirn schreit unbewusst: „Bleib, wo du bist, da ist es sicher!“
Angst vor dem Scheitern: Je größer und unklarer das Ziel, desto größer die gefühlte Fallhöhe. Die Angst, Fehler zu machen oder den hohen Erwartungen (den eigenen und denen anderer) nicht gerecht zu werden, ist eine massive Motivationsbremse. Anstatt das Risiko des Scheiterns einzugehen, neigen wir dazu, gar nicht erst zu starten.
Diese Mechanismen führen zu einem Teufelskreis: Die Angst vor der Ungewissheit blockiert die kreative Ideenfindung für neue, große Ziele. Wir bleiben in unserer Komfortzone und formulieren lieber kleinteilige, sichere Ziele, anstatt uns dem zu widmen, was uns wirklich begeistern würde.
Die Folgen für dein Unternehmen: Die Kultur der Angst und der Innovationsstau
Was auf individueller Ebene lähmt, hat auf Organisationsebene verheerende Folgen. Wenn du als Führungskraft unbewusst Unsicherheit meidest, prägt das die gesamte Kultur.
Innovationsverlust: Eine McKinsey-Studie zeigt, dass 85 % der Führungskräfte Angst als bedeutendes Hindernis für Innovation ansehen. In risikoscheuen Unternehmen werden Ideen für echte Veränderungen oft unbewusst unterdrückt. Man optimiert das Bestehende, anstatt mutig Neues zu wagen.
Erstarrung im Status Quo: Teams klammern sich an alte Prozesse und Produkte, selbst wenn diese nicht mehr zeitgemäß sind. Der sogenannte Endowment-Effekt führt dazu, dass wir das, was wir „besitzen“ (z.B. ein laufendes Projekt), emotional überbewerten und nur ungern aufgeben.
Demotivation der Leistungsträger: Mitarbeiter, die spüren, dass Experimente unerwünscht und Fehler sanktioniert werden, ziehen sich zurück. Sie denken in engen Zielschablonen, anstatt ihr volles kreatives Potenzial einzubringen. Gerade deine besten Leute, die nach Sinn und Gestaltung streben, werden frustriert und verlassen das Unternehmen.
Eine Kultur, die keine Toleranz für Ungewissheit hat, erstickt die Zukunft im Keim. Sie gefährdet langfristig die Wettbewerbsfähigkeit, weil sie genau die mutigen, visionären Ziele verhindert, die für nachhaltigen Erfolg notwendig sind.
Der Weg aus der Lähmung: Lerne, im Nebel zu navigieren
Wie kannst du also die Angst vor dem Ungewissen überwinden und den Blick für wirklich große Ziele freimachen? Es geht nicht darum, die Angst zu eliminieren, sondern darum, zu lernen, mit ihr umzugehen.
Trainiere deine Ambiguitätstoleranz: Beginne im Kleinen. Wage bewusst kleine Experimente, deren Ausgang ungewiss ist. Gib ein Projekt ab, ohne jeden Schritt zu kontrollieren. Starte eine Initiative, für die es noch keinen fertigen Plan gibt. Jeder kleine Schritt, den du ins Ungewisse machst, trainiert deinen "Navigationsmuskel" für den Nebel.
Verändere deine Definition von "Ziel": Löse dich von der Vorstellung, dass ein Ziel von Anfang an ein detaillierter Plan sein muss. Betrachte eine große Vision eher als einen "Nordstern" – eine klare Richtung, aber keinen festen Weg. Dein Ziel ist nicht, den Weg zu kennen, sondern den ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen.
Schaffe psychologische Sicherheit: Als Führungskraft ist das dein wichtigster Hebel. Etabliere eine Kultur, in der Scheitern als Lernchance gesehen wird. Frage nicht "Wer ist schuld?", sondern "Was haben wir gelernt?". Wenn dein Team weiß, dass es sicher ist, zu experimentieren und Fehler zu machen, wird die Angst vor dem Ungewissen durch Neugier ersetzt.
Im Coaching, genau wie in der Führung, geht es oft darum, den mentalen Raum zu schaffen, um sich und die eigenen Teams von der Fessel der Planbarkeit zu lösen und die eigene Selbstwirksamkeit im Umgang mit Unsicherheit zu stärken.
Drei Kernerkenntnisse für deine Führung
Große Ziele sind von Natur aus unsicher: Die wirklich transformativen Visionen haben keinen klaren Fahrplan. Akzeptiere, dass der Weg ins Neue immer mit einem Gefühl von Nebel und Kontrollverlust beginnt.
Deine Angst ist normal, aber nicht dein Kompass: Dein Gehirn ist darauf programmiert, Unsicherheit zu meiden. Deine Aufgabe als Führungskraft ist es, diese Reaktion zu erkennen, aber dich nicht von ihr leiten zu lassen.
Kultiviere Neugier statt Kontrolle: Die wirksamste Waffe gegen die Angst vor dem Ungewissen ist eine Kultur der Neugier und des Lernens. Schaffe einen Raum, in dem Experimente erlaubt und Fehler wertvolle Datenpunkte sind.
Welche große, aber unsichere Vision für dein Unternehmen würdest du verfolgen, wenn du keine Angst vor dem Scheitern hättest?
Und was ist der erste, kleine Schritt, den du noch heute tun könntest, um in diesen Nebel hineinzugehen?


